Donnerstag, 17. November 2016

Zwischenbilanz: Wissenschaft


Zwischenbilanz



Nr.: 11

Vorläufiger Belegungsplan: Casa de la buena vista


15.12.2016 – 10.1.2017 München

27.1.2017 – 13.2.2017 Australien
14.2. - 25.2.2017 Vaihingen





Katzen fangen



Projekt:

Katzen sind aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken. Während unsere Stubentiger in der Stadt  eher eine ästhetische Funktion erfüllen, haben sie auf dem Land auch eine wichtige Funktion für die Kontrolle der Nagerpopulation. In unserem Forschungsprojekt geht es darum, den allgemeinen Gesundheitszustand zu erfassen und zu untersuchen, ob die Katzen sich dabei mit Krankheitserregern infizieren, die auch eine Gefahr für den Menschen und andere Nutztiere darstellen könnten.   



Auftrag:

248 Katzen fangen, bändigen, ruhigstellen, an manchen Stellen rasieren und Blut (aus der Vene) und Urin (direkt aus der Blase) abnehmen. Klingt einfach, ist es aber nicht.



Fortschritt:

16.11.2016: 24 Katzen (von 248).



Die ersten 16 Katzen waren bisher so eine Art „Kollateralnutzen“ von Rossis Arbeit in der Klinik; wenn immer eine Katze zum Sterilisieren oder anderen Unpässlichkeiten vorbeigebracht wurde, dann musste sie natürlich auch Blut und Urin abgeben, gegen eine kostenlose Blutanalyse oder eine Gratis-Entwurmung. Da freut sich jede Katze!

Heute gab es endlich den ersten Feldersuch, raus aufs Land zu den Bauernhöfen und zu den unbekannten Katzen, die auf nichts dringlicher warteten, als auf Rossis Blutkanüle!



Unser erstes Ziel war ein kleinbäuerlicher Hof in der Nähe von Paillaco. Wir haben unser Auto besser vor der Einfahrt stehen lassen und die Gummistiefel angezogen. Der Weg zum Hof bestand aus einer Mischung aus Schlamm, Dreck und frischem Kuhdung, die Ställe und Häuser glichen eher Holzverschlägen als Gebäuden, hinter einem Holzgatter grunzten ein paar Schweine. Hühner, Truthähne und Enten führten ihre Küken ins Mistpicken ein, die vielen Hunde sind neugierig und verspielt (aber dreckig) und die Katzen erstaunlich zutraulich.

Hof der Katze Nr. 17
 Außer das wir immer durch den Mist waten mussten, ging die Arbeit gut voran. Der Hof spiegelte schon die Armut und auch das Elend der Kleinstbauern in diesem Land wieder. Es fehlt an allem, natürlich vor allem an einem angemessenen Einkommen – eine Art Subsistenzwirtschaft auf unterster Ebene. Unseren komischen Wünschen wurde aber mit einer gewissen Herzlichkeit begegnet, irgendwie waren wir – verhalten – willkommen. 

Katze Nr. 17

Vielleicht fanden uns die Katzen nicht so toll – immerhin sind sie jetzt entwurmt: Katzen Nr. 17 und 18



Die nächsten beiden Höfe waren deutlich schöner, aufgeräumt, gepflegte Häuser mit den typischen Holzschindeln an den Fassaden. Im Vorgarten randalierte eine kleine Herde ganz junger Kälber, machte mit halbstarkem Geschrei auf sich aufmerksam.

Auch die Katzen der beiden anderen Höfe waren erstaunlich zutraulich und ließen die ganze Prozedur mit wenig Gegenwehr über sich ergehen: Katzen Nr. 19 – 24



Katze Nr. 19




Ein Hof geht noch, da soll es 5 – 7 Katzen geben. Ein schönes Anwesen, gepflegt, ein freundlicher Besitzer. Allerdings nicht die Katzen – sie kamen zwar vorbei aber von sich-fangen-lassen keine Spur. Das war mein großer Moment, genau auf so eine Situation war ich vorbereitet! Unter den skeptischen Blicken der Rossi hatte ich mir ein Anglernetz gekauft, mit ausziehbarer Teleskopstange! Und siehe da: es klappte auf Anhieb.
Katzenfangnetz


Dann muss irgendwas schiefgegangen sein. Bei dem Versuch, die Katze teilweise aus dem Netz zu befreien, schlug sie ihre Fangzähne mit aller Gewalt in meine Hand. Sie hatte gewonnen, suchte das Weite, während ich versuchte die Blutung zu stillen. Nicht ganz einfach, ein Leben als Katzenfänger. Die Methode hat sich als brauchbar erwiesen, die Prozedur danach ist allerdings noch verbesserungswürdig. 
Katze Nr. 21


Vielleicht sollten wir es mit einem Betäubungsblasrohr versuchen; habe da einige Erfahrung aus meiner Zeit bei den Indianern in Venezuela.



Der Tag endete in der Clinica Alemana.

Warten in der Notaufnahme, Blutdruckmessung (Sauerstoffdichte im Blut 99%), Versorgung der Wunden, Antibiotika.

Danach gab es dann ein Feierabendbier.



Aber diese Art von Wissenschaft gefällt mir gut, auch wenn ich hier nur der Assistent bin. Es fehlen noch 224 Katzen, das heißt zu den Höfen fahren, mit den Besitzern sprechen, unfallfrei die Tiere halten, Land und Leute kennen lernen, eintauchen in eine andre Welt.





Nochmal Tiere:



Auf dem Rückweg von Puerto Varas, wo ich mit meinen Studenten einen Ortstermin bei einem großen Reiseveranstalter hatte, besuchten wir die Senda Nativa Romahue.

Das ist eine Farm und gleichzeitig eine Auffangstation für verletzte oder hilfsbedürftige Wildtiere. Der Hof liegt in einer idyllischen Landschaft, von wo aus man die Vulkane Osorno und Calbuco sehen kann. Ein unvergleichlicher Anblick.


 
Ein Rundgang dauert zwischen ein und zwei Stunden – wir kamen gerade mal 50 Meter weit.

In einem Gehege wohnte ein Pudupaar und ein weiteres Weibchen und ein kleines Bambi mit hellen Tupfen im Fell, gerade mal drei Tage alt. Man hätte es gut in zwei Händen halten können.

Pudus sind die kleinsten Hirsche der Welt. Ihre Schulterhöhe beträgt zwischen 25 und 43 Zentimeter, ihr Gewicht zwischen 6 und 13 kg. Die männlichen Tiere ziert ein kleines Geweih.

Das Pudupaar stand eng beisammen, das Weibchen legte sich immer wieder hin, von der einen auf die andere Seite, und plötzlich sah man wie die Fruchtblase austrat, das Tier war gerade dabei ein Junges zu werfen. Der Bock wich nicht von ihrer Seite. Er half der Kuh durch beständiges Lecken und als die Fruchtblase abfiel haben sie sie beide zusammen aufgegessen, vielleicht um zu verhindern, dass dieser Geruch Fressfeinde anzieht. Die kleine Hirschkuh legte sich wieder auf die Seite, hob und senkte den Kopf und in ihren Augen sah man den stillen Schmerz und die Anstrengung der Geburt. Das Männchen versuchte der Gebärenden zu helfen so gut es ging. Fast hatte man den Eindruck, es zieht an den kleinen Füßchen, die als erste den Mutterleib verließen. Beständiges Lecken an dem kleinen Wesen, das dabei war aus der Geborgenheit in der Mutter in eine fremde Welt geworfen zu werden, war wohl ein zärtlicher Willkommensgruß.

Nach 20 Minuten ging alles ganz schnell. Mit einem kleinen Plop purzelte das Neugeborene auf den Boden und die beiden Eltern begannen sofort das Pudubaby trocken zu lecken. Ein zärtlicher Einstieg ins Leben.


Pudu-Männchen bei der Geburt

Wir blieben noch eine ganze Weile bei der jungen Familie.

Die überwältigende Zärtlichkeit des Männchens bei der Geburt hat mich zutiefst bewegt.

Ich komme mal wieder, um mir die anderen Tiere anzusehen.

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Mittwoch, 9. November 2016

Ganz schön was los hier


Ganz schön was los hier



Nr. 10



Vorläufiger Belegungsplan: Casa de la buena vista



15.12.2016 – 10.1.2017

25.1.2017 – 15.2.2017





8. November 2016



ich musste Besorgungen machen in der Stadt. An der Plaza war wenig Verkehr. Aus der Avenida Picarte drang ansteigender Lärm durch die Stadt. Ein enormer Demonstrationszug wälzte sich auf das Zentrum zu. Menschen mit Plakaten, Transparenten, Pfeifen, Megaphonen und Vuvuzelas machten ihrem Ärger Luft. Nach dem ersten Pulk der Protestierenden kamen vielleicht fünfzig Lastwagen der Müllmänner mit Aufschriften wie diesen: „An den Müllbergen ist die Regierung schuld!“








Der Protestzug war fast 2 km lang, die unterschiedlichsten Gruppen und Gruppierungen haben sich für diese Demonstration zusammengeschlossen: Mitarbeiter des Bildungswesens, der vorschulischen Erziehung, des Gesundheitssektor, , der Gendarmerie, eben der ganze öffentliche Dienst. Demonstrationen und Streiks sind nicht auf Valdivia beschränkt, die Proteste ziehen sich über das ganze Land. Mittlerweile türmen sich allerorten die Müllberge auf, auch in Valdivia, einer sonst sehr sauberen Stadt. In Santiago stinkt es bereits erbärmlich – bei sehr sommerlichen Temperaturen. Es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen.



Vordergründig geht es um eine Lohnerhöhung, 3,2 % bietet die Regierung, die Demonstranten beharren auf 7 %. Die Müllmänner, wenn sie denn beim Staat beschäftigt sind, verdienen ca. 400.000 Pesos, gerade mal 560 €. Doch viele Gemeinden haben die Müllentsorgung an externe Dienstleister vergeben – nach bester neoklassischer Manier! Dort zahlt man ihnen den Mindestlohn, knapp 280.000 Pesos, weniger als 400 € im Monat. Chile ist teuer, viele Preise sind wie in Deutschland, oder höher. Das reicht nicht, davon kann man nicht leben, seine Kinder nicht in die Schule schicken, kaum am sozialen Leben teilhaben.



Sie verzweifeln am System, sie glauben nicht mehr, dass diese Politiker was für sie tun. Sie schimpfen auf Bachelet, auf die verbreitete Korruption und auf die korrupten Politiker, die sie am liebsten tot sehen würden.





Es geht auch um die Rentenversicherung. Die wurde damals von Pinochet privatisiert und danach von allen Nachfolgerregierungen Schritt für Schritt weiter demontiert, die Demonstranten sagen, sie werden systematisch bestohlen. Latinapress: derzeit erhalten 90,75% der Rentner niedrige monatliche Renten in Höhe von rund 233 US-Dollar (fast die Hälfte des Mindestlohns).



Wer könnte den Demonstranten ihre Wut verdenken? Aber das ist kein chilenisches Problem. Die Welt ist nicht in Ordnung. Allerorten scheinen die Menschen ein Gefühl zu bekommen, dass da mit dem gesellschaftlichen Gleichgewicht was nicht mehr stimmt. Man bekommt das Gefühl, dass eine kleine Schicht der Reichen und Superreichen die Welt gekapert hat, in schöner Piratentradition. Für sie scheinen andere Gesetze und Regeln zu herrschen als für den Rest der Bürger. Was hat man denn nach der Finanzkrise (und nachdem man aller Banken gerettet hat – und den Bankern die Boni), alles versprochen. Manche Banken sind heute mächtiger und systemrelevanter als vorher. Panama Papers – viel Aufregung und dann: nichts. Apple und Co. Zahlen nach wie vor keine Steuern. Arme Chilenen schaffen es in den seltensten Fällen an die Uni. Bildung ist ein Menschenrecht.

2015 gingen die Studenten in Chile auf die Straße, die Hochschulen waren vier Monate dicht.  Auch meine Kollegen stimmen überein: das Bildungssystem muss dringend reformiert werden.

Es braut sich was zusammen, auch in Europa. Le Pen, Orban, Erdogan, Putin, die AFD und alle anderen. Auch Europa hat seine Bindungsfunktion verloren: Brexit – und dann? Diese Rattenfänger biedern sich mit scheinbar leichten Lösungen an, die es nicht gibt. Aber mit der Entwicklung mit der wir uns heute abfinden sollen können viele nicht mehr leben.



Heute ist Wahl in Amerika. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Den ganzen Abend bekommen wir von Forschungsgruppen und sonstigen Wahlanalysten vorgerechnet, dass Hillary eigentlich gar nicht verlieren kann.







9. November 2016



ich bleibe bis nach Mitternacht wach. Als dann Florida verloren war habe ich den Fernseher ausgeschaltet und bin ins Bett. Die Sache ist gelaufen. Ich habe schlecht geschlafen.

Trump macht mir Angst. Aber auch hier: es war eine Absage an das „System“, das von Hillary so perfekt verkörpert wurde.



Besser als jede Politik:


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Freitag, 4. November 2016

Architektouren


Architektouren

Nr. 9

Vorläufiger Belegungsplan: Casa de la buena vista

15.12.2016 – 10.1.2017

25.1.2017 – 15.2.2017

Isla de Chiloe I

Die Reiseführer beschreiben die Insel wie das kleine gallische Dorf Chiles. Na ja, klein nicht wirklich, Chiloe ist die fünft größte Insel des Kontinents. Auf jeden Fall haben dort die Huilliche-Ureinwohner den europäischen Eroberern heftigen Widerstand geleistet. Bis heute betonen die Chilotes ihre deutliche Abgrenzung zu Santiago. Und sie haben mächtige Verbündete: die Traucos (Trolle) entführen am liebsten Jungfrauen (wahrscheinlich die vom Festland), „Voladoras“, fliegende Hexen, treiben ihr Unwesen und ab und an kreuzt ein Geisterschiff („Caleuche“) auf, unter weißen Segeln und fetziger Musik, das sich bei näherem Hinsehen dann doch in Felsen oder Baumstämme verwandelt. Weiß man’s?
Die Chilotes haben auch ihren eigenen Baustil entwickelt, die traditionellen Häuser sind mit den typischen Holzschindeln verziert, die für die Insel stilprägend sind.
Eindrucksvoll sind vor allem die Holzkirchen, die ab dem 17. Jahrhundert von den Jesuiten errichtet worden sind, man musste den Ureinwohnern ja schließlich den Glauben und Mores lehren. 16 von diesen Kirchen stehen inzwischen auf der UNESCO-Welterbe Liste.


Kirche von Curaco

Die Kirchen sind meist aus Zypressenholz gefertigt, viele von ihnen wurden ohne einen einzigen Nagel errichtet. Außen sind die meisten mit bunten Schindel verziert und innen aufwendig ausgemalt. Vergleichbares gibt es vielleicht nur in Finnland oder Polen.











Kirche von Castro


Es sind großartige Zeugnisse von manifester Kultur, die ich in Valdivia etwas vermisse. An die Hauptkirche von Valdivia darf ich gar nicht erst denken, wenn ich in der Nähe bin schaue ich liebe weg (na ja, für die Orientierung ist sie ganz gut).

 Kirche von Achao

Das ist die eine Seite von Chiloe. Sicher, in den kleinen Orten (Käffern) findet man viele Bespiele der traditionellen Bauweise mit der typischen Schindelverkleidung, aber irgendwie ist vieles verwahrlost, ungepflegt, in die Jahre gekommen, auch verlottert. Nein, es nicht so, dass alles immer herausgeputzt sein muss, bis zur Sterilität saniert. Doch man sollte eine liebevolle Beziehung zwischen dem Haus und seinen Bewohnern erkennen können. Kann man aber nicht. Auch in den schönen Dörfern Italiens bröckelt der Putz und die Geranien wachsen in rostigen Milchpulverdosen. Aber irgendwie ist das Gesamtbild stimmig, hier nicht. Vielleicht fehlt hier die Erfahrung der Ästhetik. Mangelnder Wohlstand, der immer noch andauernde Kampf zwischen Tradition und Moderne (Schindel gegen Beton), Erziehung, Bildung? Schiller hat eine Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ geschrieben, schwer zu verstehen, aber hier wäre das sicherlich angebracht. (Allerdings: wenn man durch Franken, vor allem Bier-Franken fährt, dann ist es mit der Ästhetik auch nicht weit her!)

Und trotz allem, hinter der schlimmsten Fassade findet man ein Café mit großartigem Cappuccino, leckerem Kuchen. Doch die architektonische, ästhetische Sensation war das kleine Refugio Pullao, in dem wir gelandet sind.
Ein kleines Hotel, das über der Bahia von Castro inmitten eines Vogelreservates liegt, leicht oberhalb des Meeres. Hier kann man auf ganz kontemplative Weise der Ebbe und der Flut zuschauen und nachts unter einem großartigen Sternenhimmel ein heißes Bad nehmen. Auf dem Weg dorthin haben wir fast unseren kleinen Bonsai-Mietwagen zu Schrott gefahren – doch das hätte sich zumindest gelohnt. Hier hat der Besitzer ein Ambiente geschaffen, das die wunderbare Natur, Baukunst und Geschmack zu einer wunderbaren Symbiose vereint. Bei aller Reduziertheit ein Moment großer Gefühle.

Refujio Pullao

Das ist die Spannbreit von Chiloe. Großartige Architektur zwischen Vergangenheit und Moderne – und dazwischen die Hilflosigkeit, den eigenen Stil zu finden.

In Achao waren wir auf einer „feria de costumbristas“, bei uns würde man Kirchweih sagen, oder vielleicht Straßenfest. Musikpavillon, jede Menge Essensstände, bei denen fast überall das gleiche gibt. Vor allem „Curanto“.
Das traditionelle Curanto ist ein Kochevent, eine Zeremonie. Stundenlang. Hier wird das Gericht in Plastiknetzen serviert, in denen allen drin ist, dem man habhaft werden konnte: Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte und Kartoffeln.
Wir haben dann eine Fischsuppe gegessen, oberlecker, und eine „Empanada de Mariscos“.

Sancocho de mariscos


Aber das mit dem Essen ist eine andere Geschichte.

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Montag, 31. Oktober 2016

Die Sprache ist der Schlüssel


Nr. 8





Vorläufiger Belegungsplan: Casa de la buena vista



15.12.2016 – 10.1.2017

25.1.2017 – 15.2.2017



Mein Büro



Die Sprache ist der Schlüssel



Meine ersten Tage an der Universidad Austral de Chile:

Ananda (meine Projektpartnerin) holt mich um 8 Uhr ab und wir fahren zur Uni. Theo und ich haben ja noch kein eigenes Auto und zu dem Zeitpunkt auch noch keine Ahnung, wie schwierig sich der Autokauf gestalten wird. Francisco, einer von Anandas Masterstudenten verteidigt seine Arbeit. Als Beurteiler sind dabei: Ananda als Betreuerin, Gustavo Monti (Prof. für Epidemiologie) und per Videokonferenz Markus (Nachnamen habe ich vergessen), der Professor an einer Universität in Brasilien ist und einige Zuhörer. Alles sehr offiziell und alles auf spanisch und portugiesisch. Ich verstehe nichts. Offenbar läuft es gut, alle machen ein sehr zufriedenes Gesicht, es sieht nach Gratulation aus. Für die Mitarbeiter des Labors von Ananda gibt es zur Feier des Tages Pizza. Ich bin auch eingeladen, ich schüttele viele Hände und stelle fest: alle sind unglaublich nett und zuvorkommend, aber kaum jemand spricht Englisch.

Erschwerend zu meinen ganz geringen Spanischkenntnissen kommt, dass die Chilenen unglaublich schnell sprechen und die Hälfte der Wörter verschlucken. Mit dem was ich was ich früher für Spanisch gehalten habe, hat das für meine Ohren noch wenig zu tun. Es kommt mir alles ziemlich spanisch vor!



Am zweiten Tag findet eine lokale Konferenz statt, bei der viele untergraduierte und postgraduierte Studierende ihre Projekte vorstellen. Zumindest die Masterstudenten sind dazu angehalten, Ihre Vorträge auf englisch zu halten. Bis zur Mittagspause habe ich 15 Präsentationen hinter mir, alle auf Spanisch, zu schnell, zu leise: nix verstehen! Irgendwie bringt das nichts. Theo hilft! Er hat ganz schreckliche Kopfschmerzen, eine ausgewachsene Grippe (noch von Deutschland eingeschleppt), Schmerzmittel aus unserem eigenen Fundus helfen nicht, jetzt brauchen wir den Schmerzmittel-Hammer! Wir fahren in die Clinica Alemana. Bevor Diagnostik gemacht wird, gibst gleich ein Schmerzmittel mit Hammerwirkung. Die Kopfschmerzen werden besser. Wir warten ein paar Stunden (vor allem die Radiologen lassen sich sehr viel Zeit mit der Beurteilung) und ich lerne ganz viele Spanischvokabeln, weil wir die Untertitel von den Nachrichten, die dort auf mehreren Bildschirmen gezeigt werden, übersetzen. Rumtrödeln ist nicht drin, learning by waiting!



Die Klinik



Dr. Mieres ist der Chef von der Kleintierklinik und macht vor allem bildgebende Diagnostik. Auch er ist unglaublich nett, spricht aber leider kein Englisch. Aber er organisiert alles für mich und kümmert sich. Auch Lorena, die Vorstandsassistenz hier, ist ganz reizend und sorgt dafür, dass es mir an nichts fehlt. An meinem ersten offiziellen Tag in der Klinik gibt es ein tolles offizielles Willkommensfrühstück mit Torte, an dem alle Professoren der Kliniken (Klein- und Großtiere) teilnehmen. Ich bin sehr gerührt. Viele der anderen Professoren, unter anderem die beiden anderen aus der Kleintierklinik Dr. Thibaut und Dr. Ojeda sprechen zu meiner Erleichterung Englisch. Glück gehabt. 😊 Das hilft. Daneben arbeiten in der Klinik noch viele andere Tierärzte und Helfer. Darunter Danae, sozusagen als Assistenztierärztin, macht aber keine Lehre. Und dann gibt es noch drei Residents (heißen zwar Residents, die Residency dauert aber nur 1 Jahr und ist eher mit einem Internship bei uns vergleichbar), Interns (keine Ahnung, was deren Aufgabe hier in der Klinik ist), Nachtdiensttierärzte, Tierarzthelfer, Tierpfleger, Verwaltungsangestellte, …. Es wird wohl noch ein bisschen dauern bis ich das System so ganz verstanden habe.



Morgens um 8 Uhr finden „Rounds“ statt. Da stellen die Studierenden ihre Patienten vor, neue Patienten werden vom Nachtdienst übergeben, der Tag wird organisiert. Naja, ich verstehe halt auch hier nur Bruchstücke. Aber nichts desto trotz werde ich von Anfang an integriert und bei internistischen Patienten um meine Meinung gefragt. Ein einigermaßen fundiertes Statement (natürlich auf englisch) abzugeben, ist halt schwierig, wenn mir der Sachverhalt noch einigermaßen schleierhaft ist.

In der Klinik mit den Studierenden zu arbeiten, finde ich toll. Allerdings sprechen von den chilenischen Studenten die wenigsten Englisch. Wenn von einer Vorlesung nur Teile verstanden werden, ist das nicht ideal aber auch nicht so schlimm. Aber wie kann ich sicher sein, dass sie mich richtig verstehen und dass es nicht durch ein Problem in der Verständigung zu groben Fehlern kommt? Ich versuche es mit der Erstellung detaillierter schriftlicher Behandlungspläne. Eine große Hilfe in den ersten Wochen sind zwei Praktikantinnen aus Spanien. Marta und Julia (aus Zaragozza und Valencia) sprechen englisch und helfen in ganz vielen Situationen. Auch wenn es um praktische Dinge geht, z.B. das Legen einer Ösophagussonde. Julia übersetzt meine englischen Erklärungen für die chilenischen Studierenden. Vor allem die Studentin, die dabei mitmacht, sollte ja verstehen, was sie tun soll. Klappt gut, dauert halt lange. Aber wenn alles genauso wäre wir daheim, hätte ich ja gleich dableiben können.



Centro de Idiomas



Dr. Mieres und Lorena kümmern sich auch um die Organisation meines Sprachkurses beim Centro de Idiomas. Ich bin begeistert davon, dass dieser bald starten soll. Zuerst muss ich mich jedoch einem Einstufungstest unterziehen. Oje, die Chilenen lieben Tests und Protokolle. Mal sehen. Ich komme zum Centro de Idiomas, sitze allein in einem Zimmer (vermutlich damit ich nicht spicken kann!) und muss einen schriftlichen Test ablegen. Der ist ziemlich bescheuert, die häufigsten Verben im Präsens zu konjugieren schaffe ich gerade noch. Dann kommt eine junge Professora, wenn es hoch kommt vielleicht 20, und versucht, eine Unterhaltung mit mir zu führen. Sie spreche weder Englisch, noch Deutsch, noch Französisch, sondern ausschließlich Spanisch – es kann doch nicht sein, dass jemand eine Fremdsprache unterrichtet, der selber nie eine gelernt hat! Auch die Sekretärin spricht kein Wort Englisch (wir sind ja nur im Centro de Idiomas). Ordnung muss ein: Der Test müsse jetzt erst ausgewertet werden und dann könne entschieden werden, welcher Kurs für mich der beste sei. Nach drei Tagen endlich kommt das Ergebnis des Tests: Grammatik sehr gut, nicht so gut im Verstehen der gesprochenen Sprache und es hapert noch dabei, mich auf Spanisch auszudrücken. Was für eine Überraschung, wer hätte das gedacht! Ergebnis ist, dass ich einen Intensivkurs Spanisch erhalten werde: Drei Mal in der Woche von 9 Uhr bis 11 Uhr über 3 Wochen. Das wiederum finde ich großartig.  



Die Forschung



Und dann ist da ja auch noch das Forschungsprojekt. Wir haben es seit einem Jahr vorbereitet, Ananda war im Mai in München, ich war im Juni in Valdivia. Alle meine Projektpartner: Ananda, Gustavo, Miguel und Javier sprechen hervorragend Englisch. Nach der ersten Besprechung vor Ort kann es deswegen direkt losgehen mit dem Sammeln von Proben. Herzvorragend! Wie es wohl wäre, wenn wir uns nicht in einer Sprache verständigen könnten? Es wäre schlicht und ergreifend nicht möglich.



Die Quintessenz



Die Studierenden, die im 2-Wochen-Rhythmus durch die Klinik rotieren, werden wegen mir sicherlich nicht plötzlich alle Englisch lernen (aber vielleicht kann ich sie ja etwas motivieren) und auch nicht die anderen Mitarbeiter der Klinik nicht. Ich habe es in der Hand, die Situation zu ändern und lerne jetzt wie verrückt Spanisch. Ohne die Sprache werde ich keinen Zugang zu den Menschen bekommen. Ich freue mich über jede kleine Konversation, die klappt und über jede Situation, in der ich mich irgendwie auf Spanisch ausdrücken kann. Es hilft natürlich ohne Ende, dass ich mit Theo den besten Spanischlehrer, den es überhaupt gibt, an meiner Seite habe. Wird schon noch ein bisschen dauern, aber poco a poco. Zumindest können wir Franken das „r“ mindestens genauso gut rollen wie die Latinos!



Noch eine Quintessenz:



Internationalisierung bei Forschung und Lehre ist kein Selbstläufer. Es braucht den guten Willen und die Bereitschaft von beiden Seiten. Jemand von außen zu integrieren ist mühevoll, wie auch sich selbst den anderen Strukturen anzupassen. Meine Kollegen hier in Valdivia geben sich alle Mühe – ich versuche, es ihnen so leicht wie möglich zu machen in dem ich schnell Spanisch lerne!



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Donnerstag, 27. Oktober 2016

alles nicht so einfach


Nr. 7



Vorläufiger Belegungsplan: Casa de la buena vista



15.12.2016 – 10.1.2017

25.1.2017 – 15.2.2017





Alles nicht so einfach.



5.10.

Ankunft in Valdivia. Isabel, die Maklerin, die uns die Wohnung besorgt hat, kümmert sich reizend um uns. Sie übergibt uns die Wohnungsschlüsse, ein Bett und zwei Sofas hat sie uns schon besorgt! Für den Mietvertrag braucht sie die Daten von der Rossi. Und eine chilenische Personalausweisnummer, RUT, haben wir aber noch nicht. Gut, meint Isabel, geht vorläufig auch ohne.



7.10.

Isabel will mit dem Mietvertrag vorbeikommen; geht aber nicht, ich muss erst mal ins Krankenhaus (Clinica Alemana, hat einen guten Ruf, ist ganz ok).



8.10.

Isabel schickt uns den Mietvertrag per Mail. Wir füllen ihn aus.



9.10.

Versuch die Miete (1 Monatsmiete Kaution, ½ Monatsmiete Provision, 2 Monatsmieten für Oktober und November) zu überweisen. Fehlt aber noch der Swift-Code, BIC.

Isabel will sich erkundigen.



11.10.

Isabel schickt uns den Swift-Code.



12.10.

Erster Versuch einer Überweisung, in chilenischen Pesos, die Währung kann man online anklicken.



13.10.

Die Überweisung kommt zurück, chilenische Pesos gehen nicht.

Müssen US$ oder Euro sein.

Wir versuchen es mit Euro. Nix passiert, also nochmal in US$. Wieder passiert nix.

Isabel sagt, sie hätte für uns einen Subaru Outback, für 3 Millionen. Wäre toll.



14.10.

Mail von unserer Bank in Buttenheim: sie hätten die Überweisung in Euro noch stoppen können, US$ sind ok (oder umgekehrt). Das Geld wird von unserem Konto abgebucht.

Ich sage Isabel, das Geld ist unterwegs.



15.10.

Ich schaue mir den Subaru an, wir würden ihn nehmen. Baujahr 2001, 200.000 km.

Doch wie bezahlen? So eine Überweisung nicht noch einmal. Wie kommen wir an Bargeld?

Ein anständiger Gebrauchtwagenkäufer zahlt nur in bar!



17.10.

Isabel ruft an, Geld ist noch nicht angekommen. Wir schreiben der Bank in Buttenheim. Wir sollen Geduld haben, es kann schon fünf Tage dauern.



19.10.

Es ist schon langsam peinlich. Isabel ist noch geduldig. Wir beschließen eine Notlösung. Um Vertrauen herzustellen. Wir gehen mit vier Kreditkarten zum Geldautomaten und holen 800.000 Pesos, mehr als 200.000 rückt der Automat nicht raus. Ich übergebe das Geld an Isabel – sie ist etwas erleichtert. Wir auch.



21.10.

Immer noch kein Geld da, wir schreiben unserer Bank in Buttenheim. Keine Antwort.

Wie kommen wir nun an 3.000.000 Pesos, in bar?

Western Union! Ich gehe zu 4 Western Union Büros – bis ich das richtige gefunden habe. Ich kann mir aber selber kein Geld schicken, also müsste ich es erst dem Hansi oder dem Dietmar überweisen. Es kann mir nur eine dritte Person schicken.

Und es ist wahnsinnig teuer, 10%. Mindestens. Auch keine Lösung!



23.10.

Wir schicken der Isabel den Kontoauszug, in dem die Überweisung ersichtlich ist. Sie will damit zu ihrer Bank gehen, wo denn das Geld geblieben ist.



25.10.

Ich rufe von meinem deutschen Handy die deutsche Service Nummer von Amex in Frankfurt an. Die sind sehr hilfsbereit und an das Telefon geht ein echter Mensch, kein Automat! Aber nein, mit dem Bargeld können sie uns auch nicht helfen, früher ging das, jetzt nicht mehr.



26.10.

Isabel war bei ihrer Bank. Das Geld wurde wieder zurückgeschickt. Irgendwas hat an der Adresse nicht gestimmt. Auf unserem Konto ist es nicht wieder gelandet.



27.10.

Neue Überweisung mit neuer Adresse. Schau mer mal.

Bargeld habe ich immer noch nicht. Ob der Subaru noch auf uns wartet?



Vor meiner Terrasse, im Rio Cruces spielt ein Seelöwe.

Jetzt kommt ein langes Wochenende. Wir fahren nach Chiloe. Traumhaftes Sommerwetter. 27 Grad.

 Sonnenaufgang heute morgen kurz nach sechs - vom Schlafzimmerfenster aus
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